Wie sieht ein Schultag von mir aus?

Der Radiowecker geht um 6:10 Uhr an. Ich stehe natürlich nicht sofort auf, sondern liege noch eine halbe Stunde im Bett und höre "Drive 105", einen "alternative radio" Sender, der im Gegensatz zu "Radio salue" wirklich Abwechslung spielt. "Some song you know, some you don't. We think that's what radio should be".

Als Frühstück habe ich in der Regel ungesunden "bagel" mit ungesundem Nutella und gesunden Organgensaft, wobei die "bagels" aus der Tiefkühltruhe kommen. Daniel, unser "chocolate milk junkie", trinkt nur etwas und hat kein Frühstück. Ann löst jeden morgen in 5 Minuten das cryptoquip (Buchstabenrätsel) in der "star tribune", der "newpaper for the twin cities".

Es ist ähnlich wie in Deutschland: Unser Bus kommt in der Regel gegen 7:20 Uhr und IST ein gelber US-Schulbus, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt, innen aber immerhin mit Ledersitzen ausgestattet. Die Fahrt geht über Umwege durch Wohngebiete, und man ist mit dem Rad schneller als mit dem Bus (Bus 20 min; Fahrrad 15 min, wenn man draufhält). Der Bus kommt also gegen 7:40 Uhr an und man ist in der Schule.

Vor dem Unterricht geht man grundsätzlich zum "locker" (Spind) und verstaut erst einmal all den "Schund", den man nicht für die erste Stunde braucht. Einige Schüler haben keinen Rucksack, weil sie nach jeder Stunde zum "locker" gehen. Ich hab' mir ein System erarbeitet, das es mir ermöglicht, nur 3 mal zum "locker" gehen zu müssen, bei bis zu 200 m Fußmarsch eine komfortable Lösung!

Meine erste Stunde ist "American History". Der Lehrer, Mr. Harris, unter anderem auch Footballcoach, ist sehr zynisch, und die Stunde ist jedes mal "fun", wobei es nicht schwer ist "credit" also Punkte für gute Noten zu bekommen, aber es erfordert Arbeit. Wie in fast allen Fächern ist der Lehrplan streng an ein Buch gekoppelt. Nach 2 Kapiteln, die in 3 oder 4 Sektionen eingeteilt, sind steht ein Test oder "Exam" an. Für jede "Section" muss man eine Zusammenfassung ("outline", "Section buddy", "picture description") machen, wobei jede 10 Punkte wert ist.

Die zweite stunde ist "Physics AP", ein Kurs, der in 2 Semestern den Stoff von 3 Collegesemestern abdeckt, wobei man, wenn man gut genug ist, bereits "credit" für das College sammeln kann, so dass man dort kein "Physics" zu belegen braucht (oder zumindest nur teilweise). Für fast alle Fächer gibt es sogenanntes "advanced placement", das im gleichen Zeitraum mehr Stoff vermittelt und im entfernten Sinne mit dem Leistungskurs zu vergleichen ist.
Im Physikunterricht wird ein Collegebuch anstatt eines High-School-Buches verwendet; der Stoff wird tiefer vermittelt und in den meisten Kursen auch umfangreicher. In jeder Unterrichtseinheit gibt es mindestens einen Versuch, den man selbst durchführen muss und für den man einen Lab Report schreiben und eine "Homework" lösen muss, die ebenfalls benotet werden. Die "University of Texas" bietet einen Online-Hausaufgabenservice an, den Frau Carlson (ja eine Physiklehrerin) für ihre Klasse auch nutzt. Man druckt sich die Hausaufgaben als PDF-Datei aus, löst sie, gibt die Lösungen online ein, und später kann man sich auch die Musterlösungen laden. Die Aufgaben sind für alle Schüler gleich; allerdings variieren die gegebenen Größen, so dass man zwar den Weg, nicht aber die Lösung kopieren kann.

Die 2. Stunde ist 6 Minuten länger, denn zu Beginn gibt es die "Minnetonka-Morning-Show", eine selbst produzierte Nachrichtenshow mit "Student Announcements", wo ab und zu auch der "Principal" spricht; eine hoch technisierte Show mit Teleprompter, Greenscreen und einem eigenen Intro. Zwischen der 1. Und 2. Stunde gibt es deswegen auch Musik auf dem Flur.

Ein Problem des Schüleraustausches: man ist nur zwei Semester hier, und der Kurskatalog der Schule hat extrem viele Fächer im Angebot, von audio electronics, über drawing, dance, sociology und debate bis hin zu so exotischen Fremdsprachen wie german, chinese und japanese.

Ein weiteres Fach ist "photography", ein Kurs in dem man alles über Fotografie Entwicklung in der Dunkelkammer und Fotografiertechniken lernt. Ein sehr interessanter Kurs, der viele Freiheiten lässt, und nicht umsonst als "artclass" aufgeführt ist.
Mit meiner Digitalkamera knipse ich, in photography fotografiere ich. Wir haben bereits sowohl mit einer Lochkamera als auch mit Spiegelreflexkameras gearbeitet. Pat, mein Gastvater hat einen eigenen "Darkroom", und so habe ich perfekte Bedingungen. 

Seit kurzem haben wir einen "all-in-one"-Hp-Drucker/Scanner/Kopierer, der an einen iMac angeschlossen ist. Technik spielt eine große Rolle im Schulalltag.

Die vierte Stunde wird wieder härter. "Calculus", der Königskurs in Mathematik, nur von dem Zweijahreskurs "AP Calculus" zu toppen, behandelt grob den Stoff der Klasse 11, Derivatives (Ableitungen) und Integrals. Auch hier: strenge Buchkopplung. In der Regel schreiben wir im ersten Teil der Stunde, nachdem wir über die Hausaufgaben gegangen sind, etwas ins Merkheft und machen ein Beispiel mit dem neuen Stoff. 

Und dann ist es 11.08 Uhr, und das bedeutet: "Split Lunch". Bei 2600 Schülern, die "Tonka" besuchen, kann nicht jeder gleichzeitig Lunch haben. Deswegen gibt es insgesamt 5 Lunches, und 2 davon sind so genannte Splitlunches. Man geht für 23 Minuten in die Klasse, hat Lunch, und geht für 23 Minuten zurück. Der Lunch an sich ist 30 Minuten lang, und man hat einen "Account" von dem das Geld (Lunch $2.15) abgebucht wird. Man kann diesen Acoount per Payment an der Kasse, Scheck oder Online per Kreditkarte aufladen. Wir haben 4 Lunchmöglichkeiten, einer bietet immer Salat, Suppe und Sandwich, einer immer Hamburger und french fries. Der "Skipper Deal" mit ausländischem Essen, wie Quesadillas (ich weiß dass das falsch geschrieben ist), Chicken wings, Sauerkraut und Bratwurst, jeden Tag was anderes. Der "Port of Italy" hat Dienstags und Donnerstags Pizza, an den anderen Tagen Nudeln. Ein gutes Essen, und man weiß, was man hat. Zum Lunch kommt Milch, eine Frucht und ein Nachtisch (in der Regel ein Cookie). 
Obwohl in den USA Übergewicht nicht zu verachten ist, gibt es beim lunch nur Schokomilch (und jetzt ratet mal wer die trinkt), 2 % reduced fat milk oder skim milk, also ohne fett. Vollmilch ist schwer zu finden, auch im "grocery store", dem Lebensmittel-Supermarkt.
Im Lunchroom hat man seine "buddys", mit denen man quatscht und den Lunch verbringt. Man kann sich aber auch einfach irgendwo hinsetzen, und gerade als Austauschschüler hat man einen "talk".

Heute war das mit dem Lunch aber ein wenig anders, weil wir einen Test in Calculus hatten. An solchen Tagen gehen wir zuerst zum Lunch und haben dann unseren Test und die ganze 47-Minuten-Stunde).

Die 5. Stunde ist English 12 G, bisweilen mein schlechtester Kurs, was aber irgendwie zu erwarten ist. Jeden 2. Freitag haben wir einen Vokabeltest, ansonsten lesen wir insgesamt drei Bucher und reden darüber. Mr Gulner, der sich selbst nicht als ein "real teacher" beschreibt, legt großen Wert darauf, die Seniors auf den Ernst des College vorzubereiten und kombiniert das mit dem aktuell zu behandelnden Stoff. Wie in jedem anderen Fach schreibt man ab und zu einmal ein angekündigtes Quiz über den Stoff der letzten paar Stunden.

Die 6. Stunde hat zwei Gesichter: ein relaxtes und ein geschwitztes, "Strength Training". Vor gerade mal 2 oder 3 Jahren wurde das "Pagel Activity Center" eingeweiht, ein Sportcenter mit Eisbahn und Fitnessraum. Hier "lifte" ich Gewichte, denn schließlich habe ich zu Hause immer zu hören bekommen: "Wenn du mal groß und stark bist kannst du ...". Durch das Trainieren von quasi allen nur erdenklichen Muskelgruppen will ich endlich wenigstens stark werden. Wir liften allerdings nicht alleine sondern als Partner. Ein Schüler hilft seinem Partner, Gewichte aufzulegen, ihn zu unterstützen, wenn er nicht mehr kann, und spornt ihn an. Deswegen lifte ich nur "every other day", also zwei- oder dreimal in der Woche. 
Benotet wird durch den persönlichen "effort", es kommt nicht darauf an, wie viel man stemmt, sondern ob man sich auch verbessert. Außerdem muss man das "protocol" des Partners führen, welches ebenfalls benotet wird.

Mittlerweile ist es 2 Uhr, und der Schultag ist zu Ende. Allerdings nur für mich, denn ich habe jetzt meine "open period". Der Schultag endet um 2.38 PM. In meiner "study hall" mache ich gewöhnlich Hausaufgaben, rede mit anderen Austauschschülern und Bekannten, oder surfe im Internet, denn meist bin ich im "media center".

Heute steht ein "meet" für "Cross Counrty" an, das heißt keine "practise", sondern "competition" mit anderen Schulen. Die "practise" sieht so aus, dass  man sich um 10 nach 3 Uhr trifft, stretcht und je nachdem eine leichte oder harte "workout" hat.
Bei einem "meet" fährt uns ein Bus zum Ort des Geschehens und wir schlagen unser Lager auf. Meist gibt es mindestens zwei Rennen. Die besten 7 oder 12 laufen ein "varsity", die übrigen ein "Junior Varsity" Das ist das Schöne am Cross Country: Jeder kann laufen.

30 Minuten vor dem Startschuss geht es ab auf die Strecke, "warm-up". Meistens muss man zwei oder drei "loops" laufen, da nur wenige Schulen so viel Platz haben einen einzigen Kurs zu machen.
Die girls laufen 4000 m, die boys 5000 m. Kurz vor dem Startschuss zieht man sich spikes an, um mehr "grip" zu haben, man macht ein paar "strights", der "coach" gibt noch einmal letzte Anweisungen, wie der Kurs am besten zu meistern ist, und schätzt unsere Chancen optimistisch und meist auch realistisch ein.
Dann geht's los. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber kurz vor dem Startschuss hat man dieses "ich will heim"-Gefühl. Doch sobald der Startschuss fällt und Hunderte "students" um dich herum zu rennen anfangen, rennst du einfach mit, findest deinen Rhythmus und läufst und läufst und läufst. Ich bin vorher nie gelaufen, deswegen bin ich immer in der 2. Hälfte des 2. Drittels des JV-Rennens, aber es kommt auf das "personelle" an.
Wenn ich die Ziellinie übertrete, ist da auch schließlich dieses Gefühl: "Ich hab's geschafft", und man freut sich, vor allem wenn man eine zufriedenstellende Zeit hat.
Nach dem Rennen gibt es dann die "awards", die zwischen 10 Minuten und EINER STUNDE dauern können. Danach geht's im Bus wieder heim. 
Wenn ich ankomme, humple ich ins "pagel center", wo es ein kostenloses Telefon gibt und rufe an; 10 Minuten später sind dann Ann oder Pat da, oft mit Hund, und der Schultag neigt sich dem Ende zu.

Wenn man dann ausgepowert gegen 7 Uhr daheim ankommt, beginnt die eigentliche "after-school-work": Hausaufgaben. Hätte mir in Deutschland jemand gesagt, dass ich mal von 7 bis 10 Uhr Hausaufgaben machen würde,  hätte ich ihn für verrückt erklärt. 

Nach dem Abendessen, der Hauptmahlzeit, springt man schnell unter die Dusche und macht die nötigsten Hausaufgaben und lernt - wenn's sein muss -  für einen Test. Durch das viele angestrengte Englischhören bin ich dann schließlich um 10 Uhr auch so kaputt, dass ich kein Problem habe, einzuschlafen.

Um 4 Uhr stehe ich auf, um etwas Wasser zu trinken. Auf meinem Weg ins Bad sehe ich Ann am Computer sitzen, wie sie emails abruft und "cubis" spielt. Deswegen fühle ich mich hier so wohl: so richtig "normal" ist hier nichts und niemand. 
Der Radiowecker geht um 6:10 Uhr. Ich stehe natürlich nicht sofort auf, sondern liege noch bis 20 oder 10 vor 7 im Bett und höre "Drive 105". Auch mir kommt das bekannt vor.

greetings andy
     (Oktober 2004)

 
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