Lothringer Bauernhäuser und südwestdeutsche Einhäuser im Saarland

 

südwestdeutsches Bauernhaus in Bilsdorf um 1900,
Geburtshaus von Willibald Steffen

Einleitung

Vor einigen Jahren erhielt ich von meinem Cousin Dieter Lorig die Reproduktion einer Zeichnung, die Nikolaus Dell aus Nalbach-Bilsdorf nach einer Fotovorlage erstellt hatte. Sie zeigt mein Geburtshaus in der Weiherstraße in Bilsdorf, so wie es um 1900 aussah. 
In den saarländischen Döörfern sieht man immer wieder ähnliche Bauernhäuser, überwiegend von zwei Typen: Lothringisches und Südwestdeutsches Bauernhaus. Einige sind inzwischen liebevoll restauriert oder sogar in Museen umgewandelt worden, in denen man noch viele typische Einrichtungsgegenstände aus alter Zeit finden kann. 

Einhäuser

Lothringisches wie Südwestdeutsches Bauernhaus sind Einhäuser, d. h. Wohnung und Viehstall befinden sich unter einem Dach mit durchlaufendem First, aber in zwei getrennten Hausabteilungen, die jeweils vom Korridor abzweigen. 
Der Korridor reicht quer durch das Haus von der Haustür bis zu einer Hoftür an der Rückseite. In der Fassade wird die innere Gliederung häufig von einer Lisene (= senkrecht verlaufendes Schmucksteinband) betont. Die Haustür ist durch aufwändige Gestaltung aus der Fassade hervorgehoben, sie trägt in einem eigens betonten, runden, ovalen oder eckigen Feld des Türsturzes die Jahreszahl der Fertigstellung und die Namen oder Monogramme der stolzen Erbauer. Die Fenster werden durch Klappläden verschlossen. 
Die Bauernhäuser beider Typen sind fast durchgängig mindestens an der Fassade, meist aber auf allen Seiten verputzt. Traditionell geschah dies mit selbstgemachtem Kalkputz, der relativ glatte Oberflächen schafft. 
Schließlich hatte jedes Bauernhaus außerdem einen Bauerngarten mit Kräutern und Gemüse hinter dem Haus sowie einen Hausbaum vor der Tür, meist Linde, Nuß- oder Birnbaum – sie spiegelten den Rhythmus der Jahreszeiten, der das bäuerliche Leben bestimmte. Ganz zu schweigen davon, dass die Größe der "Mischdkaul" (= Dunggrube) vor dem Haus den Wohlstand der Besitzer kennzeichnete - und nebenbei kostenlos besten Dünger produzierte.

Das "südwestdeutsche Einhaus" findet sich im Saarland eher nordöstlich der Saar, das "lothringische Bauernhaus" eher westlich der Saar. Beide Formen sind das Ergebnis einer Entwicklung in der frühen Neuzeit, vorzugsweise des 17. Jahrhunderts. Die Vorgänger, regellose Gehöfte mit einer Vielzahl vereinzelt stehender Wohn- und Wirtschaftsgebäude, sind heute kaum noch anzutreffen.

Lothringer Bauernhaus

Bei dem Lothringer Bauernhaus handelt es sich um einen Gebäudetyp, der zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert im Gebiet des früheren Herzogtums Lothringen entstanden ist, zu finden in Gebieten, die einst zum Herzogtum Lothringen gehörten: auf dem Saargau und jenseits der deutsch-französischen Staatsgrenze im benachbarten Lothringen. Die Lothringer Bauernhäuser traten nach Ende des Dreißigjährigen Krieges an die Stelle der vereinzelt liegenden Streuhöfe und wurden meist entlang der Straße in Häuserzeilen aneinander gereiht. Auf dem Saargau sind inzwischen viele Lothringer Bauernhäuser stilgerecht restauriert worden. Der überwiegende Teil der noch erhaltenen Gebäude stammt aus dem 19 Jahrhundert. Typische Erkennungsmerkmale sind die flache Dachneigung und das Drempelgeschoss mit Luftluken.

Lothringer Bauernhaus in Gisingen

Südwestdeutsches Bauernhaus

Bei den Lothringer Bauernhäusern wurden ab dem 18. Jahrhundert auf ganzer Länge unter dem Dach noch sogenannte Drempelgeschosse mit Belüftungsluken eingefügt, um durch diese Halbgeschosse zusätzlichen Lagerraum für Frucht (= Getreide) zu schaffen. Die Firsthöhe aber blieb gleich, dadurch sind die Dächer dieser Häuser viel flacher als die der Südwestdeutschen Einhäuser und tragen typische Flachdachziegel: halbrunde, ineinander verschränkte Ziegel, die von den Bauern ironisch "Mönch" und "Nonne" genannt wurden. Die Einrichtung eines zusätzlichen Geschosses war bei den Südwestdeutschen Bauernhäusern nicht nötig: Man verlängerte einfach den First, wenn man mehr Stauraum brauchte. Daher zeigen diese Häuser bis heute die steile Dachneigung aus der Zeit, als noch mit Stroh und Schindeln gedeckt wurde, und sind mit für Steildächer typischen, flachen Biberschwanzziegeln gedeckt. Im Norden des Saarlandes und an der Mosel deckte man die Dächer mit dem dort vorkommenden Schiefergestein. 

Bauernhausmuseen in der Region

Die beiden Einhaustypen des Lothringischen und Südwestdeutschen Bauernhauses prägten bis weit ins 19. Jahrhundert das Bild der Dörfer, bevor sich durch die Industrialisierung auch in den Dörfern die Lebensformen rapide veränderten. Seither wurden viele Häuser bei Erbteilungen oder durch Verkauf in zwei Wohnteile umgestaltet und dabei zunächst die Stallteile zu Wohnraum umgebaut. Einige wurden im zweiten Weltkrieg zerstört, andere wurden abgerissen und durch Häuser ersetzt, die als modern galten. Um so erfreulicher ist es, dass einige dieser alten Bauernhäuser zu Museen ausgebaut wurden. Hier einige Beispiele in unserer Region:

Quellen:    
- Gerhild Krebs: Bauernhaustypen der europäischen Großregion SaarLorLux, http://www.memotransfront.uni-saarland.de/bauernhaustypen.shtml

 

W. Steffen, April 2005

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